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Sigmund Freud. Jude ohne Gott
Montag, 21. September 2020, 19:45

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Im Wien der Jahrhundertwende entwickelt ein visionärer und bahnbrechender Sigmund Freud die Psychoanalyse, bis er 1938 ins Exil nach London gezwungen wird. Ein intimes Porträt, das – auch aus der Perspektive seiner Tochter Anna erzählt – auf Freuds Korrespondenzen und Texten basiert, und eine Befragung von „Heimat“ und „jüdischer Identität“. Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud nicht nur als genialen Denker, sondern auch als Privatmenschen in all seinen unterschiedlichen Facetten.

Der französische Regisseur David Teboul, der bereits Yves Saint Laurent porträtiert hat, erarbeitet in SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT ein erratisches Bild, bestehend aus Schriften und Erinnerungen Sigmund Freuds, seiner Tochter Anna sowie berühmter Gefährt/innen. Yves Saint Laurent und Sigmund Freud ist nicht nur gemein, dass der Franzose David Teboul sie in seinen Filmen porträtiert hat – beide neigten offenbar auch dazu, einer Hunderasse treu zu bleiben. Als Teboul Laurent über drei Monate hindurch in seinem Atelier filmte, begegnete ihm dort die französische Bulldogge Moujik, die dritte ihrer Art. Freud fühlte sich indes stärker zu Chow-Chows hingezogen, die ihn an kleine Löwen erinnerten. In SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT heißen sie Jofie und Lün, und Freud hatte sie erst sehr spät für sich entdeckt, als sich sein Leben bereits dem Ende zuneigte. In den letzten, farbigen Minuten des Films läuft einer von ihnen über grünen englischen Rasen. Der Rasen wuchs in London; die Stadt war das Exil, in das der Vater der Psychoanalyse 1938 gemeinsam mit Tochter Anna emigrierte. Vier seiner fünf Schwestern blieben in Wien zurück und wurden in den Folgejahren von den Nationalsozialisten ermordet. Die jüdische Identität Freuds spielt in David Tebouls Film, der vom Material her vorwiegend Archivarbeit ist, eine fast so zentrale Rolle wie die Psychoanalyse selbst; beide waren eng miteinander verknüpft. Angefangen bei Erinnerungen an die Kindheit in der Wiener Leopoldstadt, in welche die Familie im Jahr 1860 gezogen war, „ein Ghetto ohne Mauern“, bis hin zu Freuds Sympathien für den Zionismus, von dem er sich später abwandte.

Bedeutung kam außerdem einer vom Rabbiner Ludwig Philippson kommentierten Bibel zu, die Freud als Kind las. Die Illustrationen darin waren es, die ihn in seinen Träumen heimsuchten, etwa in einem fürchterlichen, der den Tod seiner Mutter zum Inhalt hatte. Ohnehin sind Gedächtnis und Schriften von Symbolen durchwandert: Vom Bahnhof in Breslau ist die Rede, den Freud im Alter von drei Jahren passiert hatte und von dem ihm noch immer „die Gasflammen“ gegenwärtig waren, die ihn an „brennende Geister in der Hölle“ gemahnten. David Tebouls Film ist eine chronologische, dennoch lose Reihung derartiger Eindrücke – nicht nur von Freud, sondern auch von seiner Tochter Anna (in der deutschen Fassung gesprochen von Birgit Minichmayr) sowie von Marie Bonaparte (Catherine Deneuve), Lou Andreas-Salomé und Carl Gustav Jung (Roland Koch). SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT handelt von zerbrochenen Männerfreundschaften und von Frauen, die um Freud schwirrten. Von Zigarren und von Bergwanderungen, von berühmten Patient/innen und vom Aufbruch in ein neues geistiges Zeitalter.